Dr. Andreas Kohring

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Veit am Schreibtisch in seiner geliebten Sammlung am 30.10.2012

In Memoriam Veit Stürmer (1957-2013)

"Das Dumme am Tod ist nicht, dass er die Zukunft verändert, sondern dass er uns mit unseren Erinnerungen allein zurücklässt." - Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee

 

 

 

Als ich 1991/92 an die HU wechselte, warst Du schon da. Zwei Wessis im wilden Osten. Althistoriker trifft Archäologe, die Liebe zum Altertum sollte uns verbinden: Das tat sie auch, aber längst nicht ohne Spannungen, denn Du warst immer ein Bewahrer und ich war und bin ein Veränderer. So war es der Beginn eines super-spannenden zwei Jahrzehnte währenden Verhältnisses zweier "Mitstreiter". Selten passte diese Anrede zahlloser Rundmails unserer Mittelbau-Liste besser.

Du wolltest ein Institut für Altertumskunde, das Archäologie, Klassische Philologie, Ur- und Frühgeschichte und Alte Geschichte einen sollte. - Ich wollte eine Alte Geschichte im theoriegeleiteten disziplinären Konzert der Epochen im Institut für Geschichtswissenschaften. Du wolltest den Magister um jeden Preis der Welt erhalten, ich führte (als Studiendekan) die Philosophen und Historiker in die erste Welle der Reformstudiengänge Bachelor (mit Deinem Wort: Studium Bolognese) und Master. Dein Kampf wider die Anglizismen: Baccalaureus statt Bachelor. Debatten-Highlights in LSK und Senat! Die Historiker verkabelten den Westflügel und Du nahmst uns eines Morgens mit einem Bolzenschneider im laufenden Betrieb brachial vom Netz, um den Serverschrank bei Dir in der Sammlung an die Seite rücken zu können. Hätte ich Dich dabei erwischt, hätte ich Dich erwürgt!

Für den Umbau des Westflügels zogen wir Historiker in die Diaspora des Quartiers Stadtmitte und Du hast jahrelang im Chaos der Baustelle den Claim "Winckelmann-Institut" verteidigt, im Zweifelsfall den Baustopp vor Ort verkündet und hemdsärmelig die Handwerker gestoppt. Last Man Standing! Respekt! Die Historiker werden wohl nie wieder ins Hauptgebäude zurückkehren und Dein Institut ist immer noch an seinem angestammten Platz. Respekt!

Dein - fast - erfolgreicher Kampf um den Traditionsnamen "Winckelmann-Institut" gegen die Vereinheitlichungsabsichten der Universität – Respekt! Unvergessen sind mir auch unser Dissens und die Redeschlachten in den Gremien zur Aufgabe der Ur- und Frühgeschichte an der HU 2003/04. Du der Retter, ich der verhasste Abwickler – good guy / bad guy!

Du warst ein Traditionalist und ein großer Wächter. Deine Griechen hätten Dich somatophylax, Leibwächter oder auch genauer Hüter des Schlafes, der Humboldt-Universität, genannt - im Zweifel auch gegen die, in Elmar Kulkes Worten, Humboldtianer. Türrahmen, Geländer, usw. Was hast Du nicht alles beschützt und bewahrt! Joachim Brüning hat einmal die Standortentwicklungskommission des Senats "das Gewissen und die Erinnerung der Universität" genannt. Zu Recht hast Du den Vorsitz genau dieser Kommission als Brünings Nachfolger übernommen, denn es war auch Dein Motto: die alte Alma mater con scientia in unserem Gedächtnis bewahren! Und jetzt erinnere ich mich wieder an die Debatte um das August-Boeckh-Antikezentrum: Im dortigen Zentrumsrat (letztlich ja auch Dein später Sieg: ein Art Institut für Altertumskunde in anderer Gestalt) warst Du ein Gründungsmitglied. Kinder-Uni, das audit "familienfreundliche Hochschule", die Kommission familiengerechte Hochschule, Studienberatung, irre Exkursionen auch das waren Deine Spielwiesen. Du warst halt ein Derwisch, ein Berserker, ein Fanatiker!

Als ich Dich für Mitarbeit in der Landesvertretung Akademischer Mittelbau Berlin gewann, saßen wir vor drei Jahren im Sommer in Konradshöhe mit einem Bier in der Hand am Havelufer und stellten fest, dass wir fast immer anderer Meinung waren, aber mit unbändiger Lust und großem Spaß miteinander stritten. Das ist nun vorbei. Montagabend haben wir auf der ersten Sitzung des Mittelbaus - bereits eingeholt vom akademischen Alltag des neuen Semesters - im Sprachenzentrum noch neidisch flachsend an Dich im sonnigen Griechenland erinnert. Am Dienstag bist Du dort verstorben. Und jetzt rufe ich Dir nach, aber ich verfasse keinen Nachruf und erhebe somit keinen Anspruch auf seriöse Würdigung und dergleichen mehr. Ins Kondolenzbuch schrieb ich nur: "Wir vermissen Dich!" Denn Du lässt uns mit unseren Erinnerungen allein zurück...  

 

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